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Magazin / Gesellschaft / Frauen / Kommentar | 14.04.2008
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Frauen in Frankreich
von Jacqueline Remy
Französische Frauen sind unabhängig, arbeiten und bekommen trotzdem viele Kinder. Das denken die meisten anderen Europäerinnen. Die Französinnen beschweren sich trotzdem: Ihr Einfluss in der Politik? Viel zu gering! Jacqueline Remy zeigt die widersprüchliche Realität französischer Frauen.
Frankreich ist ein seltsames Land: Zum ersten Mal schaffte es im Mai 2007 mit Ségolène Royal eine Frau in die Endrunde der französischen Präsidentschaftswahlen. Und zum ersten Mal besteht ein Ministerkabinett, das von François Fillon, zur Hälfte aus Frauen.

Foto: Photocase
Im selben Jahr verweigerte die eigene Ehefrau dem Kandidaten und Ehemann Nicolas Sarkozy im zweiten Wahlgang die Stimme.Am Abend seines Sieges machte sie eine sichtlich blasse Figur. Zehn Monate später, im März 2008, ging auch die neue Frau des Präsidenten Sarkozy nicht zu den Kommunalwahlen. Ihr fehlte die französische Staatsbürgerschaft, um sich als Wählerin registrieren zu lassen. Vor ein oder zwei Jahrzehnten waren beide Tatsachen noch undenkbar. Tante Yvonne, die Ehefrau von General De Gaulle, hätte sich im Grabe umgedreht!
Politik und Gleichstellung
Das politische Leben hat sich verändert. Die Frauen haben sich gemausert. Niemand verlangt mehr von ihnen, nur die "Frau von ..." zu spielen. Frauen sind sie selbst, ohne Unterschiede, fremd, unabhängig. Das wird akzeptiert. Nicht nur die Nebenrollen haben sich verändert. Französinnen, die eine Hauptrolle einnehmen wollen, werden gleichzeitig offiziell unterstützt. Das 1999 verabschiedete und 2007 verstärkte Gleichstellungsgesetz legt fest, dass die Geschlechter zu gleichen Teilen auf den Wahllisten vertreten sein müssen. Die Kommunalwahlen 2008 sollten die ganze Tragweite dieses Sieges der Frau veranschaulichen. So sind die Wahllisten in Gemeinden mit mehr als 3500 Einwohnern zwangsläufig im gleichen Verhältnis gemischt. Die aus der Wahl hervorgegangenen Gemeinderäte müssen die Delegationen in ihrer Exekutive und in den Stellvertreterposten auf gleich viele Frauen und Männer verteilen.
Trotz aller Auflagen gibt es in Frankreich nur eine winzige Minderheit von Listen mit Frauen an oberster Stelle. Das hat zur Folge, dass es nur wenige Bürgermeisterinnen gibt. Aber was sind die Ursachen dafür? Das politische Leben hat sich gewiss verändert. Die Frauen haben sich gemausert… Aber nicht die Männer.
Das ist die ganze zerbrechliche Schönheit zu Beginn dieses Jahrtausends. Die Französinnen haben einen besonders spannenden Punkt ihrer Emanzipation erreicht. Auf dem Papier, in den Köpfen und in den Gesetzestexten besitzen sie alle Rechte, alle Freiheiten, und die ganze Macht zur Gleichstellung mit den Männern. In Frankreich würde heutzutage niemand auf die Idee kommen, eine Familienmutter anzuprangern, die Karriere machen möchte und deshalb ihre Kinder in die Krippe gibt. Im Leben allerdings stoßen Frauen vor Mauern. Diese müssen sie erkennen, so klar wie möglich, um sie zu überwinden und zu zerstören.
Frauen in Frankreich: besonders unabhängig?
Sie haben viele Chancen, anscheinend. Sie wollen alle Rollen einnehmen und nichts hindert sie daran, im Prinzip: Mutter und berufstätig, unabhängig aber Geliebte, feminin und feministisch - die Französinnen spielen ein breites Spektrum an Rollen. Zudem gelingt es ihnen besser als Frauen in anderen Ländern der Welt, Nachwuchs und Berufstätigkeit zu verbinden. Zwei Zahlen zeigen diesen Erfolg: 80% der Frauen im gebährfähigen Alter zwischen 25 und 49 Jahren arbeiten, das hält sie nicht davon ab Kinder zu bekommen– im Durchschnitt zwei pro Frau: Die Fruchtbarkeitsrate der Französinnen ist die Höchste in Europa.
Die anderen Europäerinnen beneiden sie um dieses schöne Identitätsgleichgewicht. Doch die Französinnen schimpfen. Sie sehen sich in einer sozialen Doppelbelastung gefangen – eine gute Mutter sein und trotzdem Karriere machen – unter dem Druck neuer Ideale und durch ihre eigenen Widersprüche. Man hat ihnen zu verstehen gegeben, dass sie alles machen, alles erleben, alles haben können – der Rückfall ist real und oft hart.
Widersprüchliche Realität
Die Überraschung für die in den 70er Jahren geborenen und mit der französischen Frauenbewegung (Mouvement de libération des femmes (MLF)) aufgewachsenen Mädchen nimmt oft argwöhnische Formen an. Es ist notwendig die Statistiken genauer zu betrachten, um sie zu begreifen. Nehmen Sie zum Beispiel die Zahl der arbeitenden Frauen: 80% der Französinnen zwischen 25 und 49 arbeiten, mit oder ohne Kind. Sobald sie zwei Kinder haben, fällt das Verhältnis auf 60% und sackt auf 35% ab, wenn es drei oder mehr Kinder sind. Im Vergleich dazu: 90% der Männer arbeiten, ganz gleich, wie viele Kinder sie haben. Zweite Überraschung: Bei gleicher Arbeit sind Frauen schlechter bezahlt: Sie verdienen durchschnittlich 18% weniger als die Männer, und immer noch 11% weniger, wenn Arbeitsunterbrechungen aufgrund der Mutterschaft berücksichtigt werden. Dritte Überraschung: Frauen müssen oft Teilzeit-Tätigkeiten annehmen, was auf die Männer nicht zutrifft. Vierte Überraschung: Wirkliche Führungsposten bleiben Frauen oft verwehrt, auch wenn die Wahl von Nicole Notat in den Vorsitz des französischen Gewerkschaftsverbands (CFDT) und 2007 die Ernennung von Laurence Parisot an die Spitze des Unternehmerverbands (MEDEF) spektakulär gezeigt haben, dass das althergebrachte machistische Tabu Blei in den Füßen hat.
Jeder Sieg bringt Enttäuschungen mit sich oder geschlechtliche Ungerechtigkeiten. Das ist für die Französinnen nur schwer erträglich, insbesondere für die jungen Frauen, die diese Ungerechtigkeiten nicht verstehen. Das gilt vor allem im Bereich der Politik: Die Französinnen haben als eine der Letzten in Europa 1944 das Wahlrecht erlangt.
Die Politik: eine Männerdomäne
Ist die männliche politische Klasse aus diesem Grund immer noch besonders konservativ im politischen Bereich? Sie zieht es immerhin vor, sich durch Spaltung zu vermehren, als die Gleichstellung anzuwenden!
Ganz deutlich haben dies die Parlamentswahlen 2007 gezeigt, als die politischen Parteien mit Frauenfeindlichkeit aufwarteten. Meistens aus sehr pragmatischen Gründen. Eine Frau mehr ist ein Mann weniger. Und wenn der betreffende "Baron" in seiner Hochburg in Gewinnerposition ist oder dies zumindest glaubt, hat er gar keine Lust, seinen Sitz abzugeben.
Die Parteien sind verschieden motiviert, den Frauen Platz zu machen, Viele Zuständigkeiten liegen weitestgehend bei den Männern. Außerdem verursachen diese politischen Bewegungen kein großes finanzielles Risiko, wenn sie das Gesetz umgehen. Wenn der männliche Kandidat gute Aussichten darauf hat, gewählt zu werden (und die UMP, stärkste Rechtspartei dies verstanden hat), ist es beispielsweise bei den Parlamentswahlen finanziell gesehen günstiger, eine Strafe für die Nicht-Aufstellung einer Frau zu zahlen, als auf eine Zuwendung zu verzichten, die durch einen gewählten Parlamentarier sicher ist.
Darüber hinaus haben die Männer zwei Pluspunkte, die die Frauen nicht immer haben. Männer gehören viel öfter als Frauen lokalen Netzwerken, Vereinen, Verbänden, Freimaurerei im weitesten Sinne an. Das ist für sie bei der Wahl hilfreich. Und sie haben keine oder zumindest viel weniger Sorgen um die Kinder im Kopf, als die Frauen. Alle Untersuchungen zeigen, dass Frauen objektiv mehr Zeit als Männer für Hausarbeit und Betreuung der Kleinen aufwenden. Auch im subjektiven Sinne, wenn sie nicht die Hausaufgaben kontrollieren oder das Fläschchen zubereiten, neigen sie dazu, an ihre Kinder zu denken. Frauen sagen oft, sie würden von ihren mütterlichen Sorgen geplagt - eine Vorstellung, die Feministinnen wie Elisabeth Badinter oder Marcela Iacub verärgert. Sie sind enttäuscht, dass die Französinnen sich zu stark von ihrem "Bauchgefühl" leiten lassen.
Es ist diese besagte Rollenteilung, im intimsten, persönlichsten Bereich, die Frauen am meisten belastet. "Es ist nicht so einfach, eine emanzipierte Frau zu sein", hieß es in einem berühmten Lied einer Musikgruppe in den 80er Jahren. Es ist nicht so einfach, seine Kinder loszulassen, um sich in einer Partei zu engagieren und auf dem Podium oder dem Schulhof zu kämpfen, wo öffentliche Versammlungen abgehalten werden. Es ist nicht so leicht, bei den Männern die gleichmäßige Verteilung elterlicher Pflichten im alltäglichen Leben durchzusetzen. Diesen Kampf führen manche Frauen mit den Männern oder gegen sie, aber auch gegen sich selbst. Denn manchmal befürchten sie, zu Hause die Oberhand zu verlieren. Der Staat kann da nicht viel ausrichten. Die Zeit der großen gemeinsamen Forderungen ist wahrscheinlich vorbei.
40 Jahre Geschichte
Die Französinnen haben das Recht auf Ausübung eines Berufes ohne offizielle Genehmigung des Ehemannes erst 1969 erhalten. Seit dieser Zeit, also in 40 Jahren, haben sie das Recht erlangt, über ihren Körper, ihr Bankkonto, ihr Eheleben und ihre Berufswahl selber zu bestimmen. Die Empfängnisverhütung wurde 1967 in Frankreich erlaubt. Der Familienchef wird nicht mehr maskulin konjugiert, seit 1970 die "väterliche" Autorität (autorité paternelle) von der "elterlichen" Autorität (autorité parentale) verdrängt wurde. Seit 1980 ist es verboten, eine schwangere Frau zu entlassen. Die entscheidenden Gesetze über die berufliche Gleichstellung stammen aus dem Jahre 1982. In den 90er Jahren wurde der Kampf der Feministinnen auf den Bereich der Opfer verlagert: Neben dem Kampf für mehr Krippenplätzen haben sie sich dafür eingesetzt, dass Vergewaltigung, eheliche Gewalt und sexuelle Belästigung ernst genommen und ordentlich bestraft werden.
Kurz gesagt heißt das: In 40 Jahren haben die Französinnen das Recht erlangt , in alle Bereiche der Männer zu gehen. Aber die Franzosen selbst gehen nur vorsichtig in die Bereiche der Frauen: Sie wehren sich, traditionelle weibliche Aufgaben zu übernehmen. Alle sind sich einig: Eine Frau ist gleich einem Mann. Aber ein Mann ist noch nicht gleich einer Frau.
Frauen von heute und Männer von morgen
Genau auf diesen Widerstand stoßen junge Französinnen heute. Frauen, die in einem Unternehmen mit weniger als zehn Angestellten arbeiten, besetzen zum Beispiel weniger wichtige Stellen als die Männer und sind schlechter bezahlt. Trotzdem machen die Frauen öfter ihr Abitur als die Männer. Die neue Generation von Mädchen war in der Schule besser als die Jungen und hat zudem noch die besseren Abschlüsse. Frauen werden es auf lange Sicht sicher nicht hinnehmen, weniger gefördert, schlechter entlohnt und von der politischen und wirtschaftlichen Macht ferngehalten zu werden. Und sie werden sich zweifelsohne nicht mit einem Gleichstellungsgesetz zufrieden geben, das durch die Reduzierung auf ihr Geschlecht mehrdeutig ist und ihnen einen zwiespältigen Vorteil einräumt, weil es eine zu enge Auffassung von Gleichstellung darstellt.
Wenn es nach den jungen Französinnen geht, besteht die wahre Gleichstellung darin, endlich aufzuhören, in Geschlechtern zu denken. Denn das Geschlecht sollte weder ein Hindernis noch eine Begünstigung sein. Die wahre Gleichstellung erlaubt 60% der Frauen an einer Versammlung teilzunehmen, wenn 60% der fachlich kompetenten Personen zufälligerweise Frauen sind. Die wahre Gleichstellung wird die Männer dazu zwingen, sich zu beweisen, weil ihr Geschlecht ihnen keine natürliche und besondere Legitimität verleihen wird.
In der Zwischenzeit benötigen die Frauen viel Einfallsreichtum und Überzeugungskunst, wenn sie sich durch den aufkommenden Doppeldiskurs nicht in Fesseln legen lassen wollen: Um eine wahre Frau zu sein, muss man überall leistungsfähig sein – im Job, in der Schule, zu Hause und im Bett. Die mit dem weiblichen Geschlecht zusammenhängende Fessel hat sich in eine noch stärkere Kkette verwandelt. Das ist ohne jeden Zweifel berauschender als früher, aber anstrengender. Die Frauen träumen davon, mit den Männern eine wahre partnerschaftliche Gesellschaft zu bilden. Nur so werden die Rollen wahrhaftig in einander übergehen.
Jacqueline Remy ist freie Journalistin und hat früher für die französische Wochenzeitung L'Express als Redakteurin
gearbeitet. Außerdem ist sie Autorin diverser Bücher darunter "La république
des femmes". ...
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