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Magazin / Gesellschaft / Schule in Europa / Debatte | 14.11.2008

Bildung in der Krise

von Eva Clausen


Schlechte Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte, frustrierte Schüler und Studenten und wenig Aussicht auf Besserung. Nach der Wirtschaftskrise ruft Europa jetzt den Bildungsnotstand aus.


Eine Welle von Protesten – die "onda" - bewegt Italien. Schüler und Lehrer, Studenten und Professoren, Jugendliche und ihre Eltern wehren sich gegen eine Bildungsreform, die ihrer Meinung nach nur ein Deckmantel für massive Einsparungen ist. Mit der Streichung von 131.500 Arbeitsplätzen im Bildungswesen, 87.000 Lehrerstellen und 44.500 Jobs in der Schulverwaltung will Finanzminister Giulio Tremonti innerhalb der nächsten drei Jahre sieben Prozent der staatlichen Ausgaben einsparen.

Foto: .marqs


Italien ist kein Einzelfall. Auch in anderen europäischen Ländern stehen Kürzungen an. Zwar sind Sparmaßnahmen in wirtschaftlichen Krisenzeiten verständlich, doch stellt sich die Frage, ob sie ausgerechnet das Bildungswesen treffen sollten. Die europäische Presse diskutiert die Probleme einzelner Länder und die möglichen Gefahren von Bildungseinsparungen für die Zukunft der nächsten Generation.

Italien und die "onda"

Die Protestwelle setzte Anfang September ein, als Bildungsministerin Mariastella Gelmini die Schulreform vorlegte, die in erster Linie die Volksschule betrifft. Die Proteste richteten sich vor allem gegen die Wiedereinführung des Einheitslehrers, der alle Fächer unterrichtet. Es wird befürchtet, dass eine Entlassung der Fachlehrer die Vielseitigkeit des Unterrichts und die in Italien übliche Ganztagsschule gefährdet. Dazu schrieb die linke Tageszeitung L´Unità am 6. September: "Von Turin bis nach Rom wird protestiert. Mariastella Gelmini droht mit ihrer 'Gegenreform' 100.000 Angestellte zu entlassen, während die Familien niemanden mehr haben, der sich nachmittags um ihre Kinder kümmert." Unter dem Lehrermangel leiden vor allem Kinder mit Lernschwierigkeiten sowie Ausländerkinder. Die Tageszeitung La Repubblica sprach deshalb am 14. Oktober bereits von "Diskriminierung, die an Rassismus grenzt." Trotz der Proteste wurden die Neuerungen am 15. Oktober verabschiedet, wenn auch mit einigen "mildernden Einschränkungen", wie die Tageszeitung Il Sole 24 vermerkte.

Nach der Verabschiedung der umstrittenen Schulreform im Senat am 29. Oktober weitete sich ein Generalstreik zu einer Massenkundgebung gegen die Regierung von Silvio Berlusconi aus. Die "onda" erhielt politischen Rückenwind. Die Mitte-links-Opposition der demokratische Partei (PD) nahm sich der Proteste an oder – wie die Regierung behauptete – "ritt die Welle". Im Vorfeld der PD-Kundgebung vom 25. Oktober berichtete die Tageszeitung La Stampa am 23. Oktober über die Risiken einer politischen Ausschlachtung der "Welle" angesichts der Drohung Berlusconis, mit Ordnungskräften gegen die Studenten vorzugehen. Seine Drohgebärde führe zu einer "Verschmelzung der verschiedenen Bewegungen zu einer einzigen Front." Ob der Premier diese Provokation beabsichtige, um die "onda" in radikale Positionen zu drängen, sei nicht klar. "Sicher ist aber, dass das nicht der richtige Weg ist, um Studenten, Lehrer und Eltern von der Schulreform zu überzeugen," so La Stampa.

Die Tageszeitung Il Sole 24 Ore bescheinigte der Opposition am 26. Oktober den Erfolg der Kundgebung, erklärte aber, dass die Gesetze nicht auf der Straße, sondern "im Parlament mit konkreten Vorschlägen" gemacht werden. Der von PD-Chef Walter Veltroni beschworene "Reformismus der Masse" bleibe "ein Ideal, ein suggestives Ziel."
Als nächste Opfer der Reformpolitik der Regierung gerieten die Universitäten in den Blickpunkt. Am 30. Oktober, dem Tag des Generalstreiks, erklärte die Tageszeitung La Repubblica die befristeten, prekären Arbeitsverhältnisse in Schulen und Universitäten zum Hauptproblem: "Opfer der Kürzungen ... sind die Angestellten ohne feste Verträge." Außerdem beklagten die Studenten den "fehlenden Generationswechsel und die Vetternwirtschaft an den Lehrstühlen." Nachdem Lega-Chef Umberto Bossi vor einer neuen 68er-Revolte gewarnt hatte, hieß es, entgegen vorheriger Aussagen, dass man keine Kürzung bei den Universitäten plane.

Zweifelsfrei spielte bei den Protesten auch die generelle Verschlechterung der allgemeinen Stimmungslage in Italien eine Rolle, schrieb die Schweizer Zeitung Le Temps am 30. Oktober: "Seit langem hatte Italien kein so schädliches Sozialklima mehr erlebt. ... Die Massenproteste ... weisen darauf hin, dass die Schulreform nur das Symptom eines tieferen Unwohlseins ist. Die Rebellion der italienischen Studenten ist keine Laune. Es ist der Hilferuf einer Jugend, die sich eine andere Zukunft als die eines vom Angst gebrandmarkten Italiens sucht."

Von Zukunftsangst und Sparmaßnahmen ist aber nicht nur Italien betroffen. Vor allem die schlechte Bezahlung von Lehrern bewegt auch andere europäische Länder wie Rumänien, Bulgarien, Portugal und Frankreich.

Niedrige Lehrergehälter

Über die desolate Lage der bulgarischen Lehrer berichtete das bulgarische Wochenmagazin Kultura am 30. Oktober: "Die Missachtung der Gesellschaft und der miserable Lohn" habe bei den Lehrern Verbitterung ausgelöst. "Die Schule wurde für die jungen Akademiker zur Bedrohung, Symbol für Blamage, Ort für Versager," so das Magazin. Die Lehrer seien gedemütigt und voller "Angst vor Arbeitslosigkeit.".
In Rumänien schien die Situation zunächst besser, hatte doch das Parlament für eine 50-prozentige Erhöhung der Lehrergehälter gestimmt. Doch Anfang November legte die Regierung die Erhöhung bis zum nächsten Frühjahr auf Eis. Die Lehrergewerkschaft rief zum Warnstreik auf. Man müsse "kein mathematisches ... Genie" sein, um zu sehen, dass man von einem Gehalt von 700 Lei (195 Euro) pro Monat nicht leben könne, schrieb die rumänische Wochenzeitung Revista 22 am 29. Oktober. Es sei daher nicht verwunderlich, dass Schulen gezwungen seien, auf Aushilfslehrer mit unzureichender Ausbildung zurückzugreifen. Andererseits wiesen Kritiker "auf den Mangel an Wettbewerbsfähigkeit der didaktischen Kader hin, auf das Fehlen von professionellen Einstellungen und auf Korruption."

Schlechte Arbeitsbedingungen – zu viel Bürokratie

Nicht nur die niedrigen Gehälter, auch die Arbeitsbedingungen der Lehrer und die zunehmende Bürokratisierung der Schulen sind ein Problem. In Portugal gingen jüngst 120.000 Lehrer auf die Straße, um gegen ein neues Lehrer-Bewertungssystem zu protestieren, das ihrer Meinung nach so aufwendig ist, dass kaum noch Zeit zum Unterrichten bleibt. "Man dachte, dass das Bildungsministerium da sei, um den Schulen dabei zu helfen, den Schülern etwas beizubringen. Doch mit der Zeit hat sich das Bildungsministerium in [Franz] Kafkas Schloss verwandelt, wo sogar der Minotaurus verloren ist. Die Bildungsministerin ist die Totengräberin des portugiesischen Bildungssystem," schrieb das portugiesische Jornal de Negócios am 10. November.

Unter dem Motto "Bildung ist unsere Zukunft" gingen auch in Frankreich Lehrer, Schüler und Eltern auf die Straße, um mit Unterstützung der sozialistischen Opposition gegen die geplante Stellenstreichung und die Schulpolitik der konservativen Regierung unter Nicolas Sarkozy zu demonstrieren. Paul-Henri Du Limbert schrieb am 21. Oktober in der Tageszeitung Le Figaro: "Was ins Auge sticht, ist nicht so sehr die Masse der Lehrer, die am Sonntag in Paris auf die Straße ging, sondern die Präsenz sozialistischer Politiker wie Bertrand Delanoë, Martine Aubry, François Hollande, de Benoît Hamon und natürlich Jack Lang." Die französische Regierung hat in diesem Schuljahr landesweit bereits 11.200 Stellen gestrichen, im nächsten Jahr sollen nochmals 13.500 Arbeitsplätze wegfallen.

Auch in den Niederlanden kündigen sich Unruhen an. Arthur van Leeuwen kommentierte am 15. Oktober im Magazin Elsevier die Ankündigung eines Lehrerstreiks, der eine Arbeitszeitverkürzung erzwingen sollte: "Im Prinzip haben die Schulleitungen dann zwei Probleme: Höhere Lohnkosten und Lehrer, die weniger arbeiten dürfen. Die niederländischen Lehrer arbeiten im internationalen Vergleich am meisten Wochenstunden. ... Die Versprechen von Bildungsminister Ronald Plasterk – mehr Gehalt für Lehrer, den Beruf attraktiver machen und eine Erhöhung der Qualität – bekommen langsam aber sicher den Charakter von leeren Versprechungen."

In Deutschland gingen zehntausende Schüler gegen Bildungsnotstand, Lehrermangel und schlechte Ausstattung auf die Straße. Die linke deutsche Tageszeitung die tageszeitung gab am 13. November den Schülern bei ihren Kernforderungen Recht. "Schulen müssen besser ausgestattet werden. Mehr Lehrer sind dafür eine Grundvoraussetzungen. Und Studiengebühren sind nichts als unsozialer Quatsch, den neoliberale Elitefans leider in die Hirne der Bildungspolitiker gehämmert haben."

Verheerende Folgen

Nicht nur Streiks und Proteste, auch die Effekte der Vernachlässigung des Bildungswesens wurde in der europäischen Presse diskutiert. Die Einsparungen könnten langfristig Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben, fürchtet man nicht zuletzt in Finnland, Dänemark und Deutschland. In einem Blog der dänische Tageszeitung Politiken heißt es am 28. Oktober, dass es angesichts der Finanzkrise und der wachsenden Arbeitslosigkeit höchste Zeit für Reformen sei. "Mit Hinblick auf den Generationenvertrag ist es besonders wichtig, dass die Politiker neue Reformen auf den Weg bringen, die das Bildungsniveau der Jungen merkbar erhöhen und die Bereitschaft der Menschen mittleren Alters steigern, länger zu arbeiten."

Mit Blick auf einen Bildungsgipfel, der im Oktober in Deutschland stattfand, unterstrich die Tageszeitung Frankfurter Rundschau am 19. Oktober, dass nicht allein Gelder, sondern strukturelle Reformen im Bildungssystem von Bedeutung sind. "Entscheidend ist allein der Output: das, was die Kinder und Jugendlichen tatsächlich lernen. Für Bildung ausgegebene Euros allein führen noch nicht zu mehr Wachstum. Nur aus auf die tatsächlich erworbenen Kompetenzen kommt es an. ... Denn wenn sich der Bildungsgipfel als leere Blase entpuppt, könnte uns das langfristig noch weit teurer kommen als die geplatzte Finanzmarktblase."

Mit der europäischen Bildung im Allgemeinen sehe es derzeit schlecht aus, schrieb der Brüssel-Korrespondent der Tageszeitung Romania libera, Dan Alexe, am 30. Oktober: "In vielen Ländern, in Frankreich, Großbritannien, Belgien usw. weiß man bereits, dass die kommende Generation einen Lehrer- und Ausbildermangel erleben wird."

Roger Nilles betonte am 26. September in der Tageszeitung Luxemburger Wort den Wert der Bildung als Zukunftsträger: "Früh im Leben eines Menschen ist demnach schon absehbar, ob er ... auf der Sieger- oder der Verliererstraße unterwegs ist; vorausgesetzt man definiert Erfolg über Wissen, Kompetenzen und Chancenverwertung. ... Wenn Bildung in einem ebenso globalisierten wie komplexen Kontext ... über Menschen entscheidet, die die Gesellschaft in Zukunft mit gestalten und jene, die auf Grund mangelhafter Bildung auf der Strecke bleiben, ... dann wird der Auftrag der Schule und anderer Bildungseinrichtungen im vollen Umfang deutlich.... Wie weit Staaten heruntergewirtschaftet werden, wenn die Bildungsstrukturen nicht funktionieren, kann man an vielen 'Dritt-Welt'-Ländern täglich sehen."

 
Eva Clausen
Eva Clausen ist die Korrespondentin von euro|topics in Italien und freie Journalistin, unter anderem für RAI, Neue Zürcher Zeitung, Handelsblatt, Der Standard, Die ...
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