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Magazin / Aktuell / Frankreich / Hintergrund | 01.08.2008
Die Unruhen in den französischen Städten
von Marco Oberti
Am 27. Oktober 2005 sterben zwei junge Franzosen in Clichy-sous-Bois auf der Flucht vor der Polizei in einem Stromhäuschen. Daraufhin machen die Kinder der Einwanderer mit Gewalt und brennenden Autos auf sich und ihre Lebensverhältnisse aufmerksam. Welche Lösungen gibt es für die Banlieues?
Das französische Konzept der Staatsbürgerschaft
Nach den Unruhen im November 2005[1] standen das "republikanische" Modell und seine Fähigkeit, den sozialen Zusammenhalt aufrecht zu erhalten, zur Debatte. Im Falle Frankreichs beruht dieses Modell auf einer nationalen Vorstellung von Staatsbürgerschaft, die alle Individuen unter einer Nation, einer Sprache, einem Staat und einem Rechtsgefüge vereint, unabhängig von sozialen, religiösen, ethno-rassischen oder territorialen Unterschieden.

Aufgrund der starken politischen Definition der Laizität rückt dieses Integrationsmodell religiöse Praktiken und Identität in einen Bereich außerhalb des öffentlichen Wirkungsfelds. Der Staat hat ausschließlich die Bekenntnisfreiheit zu garantieren. Die öffentliche laizistische Schule gilt als Einrichtung, die zur gesellschaftlichen Integration beiträgt und für jeden Chancengleichheit garantiert, unabhängig von dessen gesellschaftlicher Herkunft oder dem Glauben. Darüber hinaus ist der Wohlfahrtsstaat Grundpfeiler der gesellschaftlichen Solidarität, bedingt durch die starke Präsenz der öffentlichen Dienste in den Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass jeder Franzose akzeptiert, zu dieser "nationalen Gemeinschaft von Staatsbürgern" zu gehören. Alle weiteren Aspekte der Identität sind auf die Intim- und Privatsphäre zu beschränken.
Es handelt sich im eigentlichen Sinne des Begriffs um ein politisches Verständnis und eine politische Vision von sozialem Zusammenhalt und Integration. Diese Haltung bedeutet, dass der Staat einem jeden dieselbe Chancengleichheit garantieren muss, egal woher er kommt und wo sein Platz in der Gesellschaft ist. Ziel der französischen Gesellschaft, vom Staat bis zum öffentlichen Dienst, war es, die Bedingungen für Integration und sozialen Erfolg über das gesamte Land verteilt so einheitlich wie möglich zu gestalten. Nur so konnte dieses Modell die notwendige Legitimität haben, um einen starken sozialen Zusammenhalt zu erhalten.
Die "republikanische Integration" verlor durch geschichtliche und wirtschaftliche Veränderungen an Wirksamkeit. Trotz der mit der Entkolonialisierung verbundenen Konflikte waren die Trente Glorieuses, die dreißig goldenen Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, das goldene Zeitalter dieses Modells. Wirtschaftliches Wachstum und Entwicklung des Wohlfahrtstaates, fortschrittliche Entwicklung des Glaubens, starke politische und gewerkschaftliche Vertretung in der Arbeiterklasse sowie starke ansteigende gesellschaftliche Mobilität haben die Integration begünstigt. Trotzdem ist die Integration der europäischen Einwanderer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht ohne Reibereien und Gewalt abgelaufen. Die nachfolgenden Generationen (ihre Kinder, die in Frankreich geboren wurden) haben von dieser Zeit profitiert, nicht nur um Franzosen zu werden, sondern um sich durch Schule und Arbeit zu integrieren und eine wachsende gesellschaftliche Mobilität zu erfahren. Wenngleich ihre Eltern nicht von Segregation, Stigmatisierung und Diskriminierung verschont wurden, so sind sie doch zu einem Großteil davor geschützt.
Der Ruf nach Arbeitskräften für den Wiederaufbau und die Modernisierung Frankreichs war es, der die Ankunft der ersten Einwanderergenerationen möglich gemacht hat. Sie kamen aus den ehemaligen Kolonien und vor allem aus dem Maghreb. Diese Einwanderer, zu Beginn vor allem alleinstehende Männer, kamen mit dem festen Vorsatz wieder in ihr Heimatland zurückzukehren. Sie überfüllten die Elendsviertel und erfuhren die geballte Ablehnung einer französischen Gesellschaft, die noch immer unter dem Einfluss von Algerienkrieg und Konflikten und Spannungen der Entkolonialisierung stand. Ihre Arbeits- und Unterkunftsbedingungen waren schwierig und ihre Position als "Fremde" aus den ehemaligen Kolonien machte aus ihnen Staatsbürger zweiter Klasse. Diese erniedrigenden Erfahrungen und die Ausbeutung der ersten Generation haben sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben.
Im Laufe der 70er- und 80er-Jahre rückt der Gedanke an die Rückkehr ins Heimatland für viele in die Ferne. Ihr Bleiben gründet auf der Zusammenführung der Familien und der zweiten Generation, die in Frankreich geboren, zur Schule gegangen und sozialisiert ist. Diese "Franzosen ausländischer Herkunft" sind im Unterschied zu den vorigen Generationen der europäischen Einwanderer doppelt benachteiligt, zum einen durch ihre ethnischen Eigenschaften und die deutlich ungünstigere Konjunktur hinsichtlich wirtschaftlichen Wachstums und Arbeitsmarkt. Die Diskrepanz zwischen den Werten des "republikanischen Integrationsmodells", Chancengleichheit, Meritokratie, Rechte und Staatsbürgerschaft, und ihrer von Stigmatisierung, Diskriminierung und Segregation geprägten sozialen Situation ist eine Hauptursache für Frustration und Ressentiments der französischen (Einwanderer)Jugend.
Ursachen für Spannungen bei Jugendlichen in Arbeitervierteln
Die Unruhen im November 2005 sind nicht nur gewaltsame Antwort auf die Beleidigungen eines Ministers und auf den Tod zweier Jugendlicher, sondern auch allgemeiner Ausdruck ihrer tiefen Überzeugung von Abstieg und Disqualifizierung; davon sind viele Jugendlichen aus den Arbeitervierteln überzeugt. Um diese Ereignisse zu verstehen, muss man die ethnische Segregation/Ausgrenzung und ihre Ausmaße berücksichtigen. Nicht alle Arbeiterviertel waren von den Unruhen betroffen; ein Teil der Arbeiterjugend, die nicht in HLMs (Habitation à loyer modéré - Sozialbauten) lebt und den rassistischen Diskriminierungen weniger ausgesetzt ist, war nicht sonderlich stark in die Unruhen involviert.
Trotzdem waren die Unruhen sehr wohl Ausdruck von Abstieg und tiefen Ressentiments. Gleichzeitig brachten die Unruhen die sozialen (Herkunft aus dem Arbeitermilieu), räumlichen (heruntergekommene und stigmatisierte, in hohem Maße abgesonderte Siedlungen) und ethnischen Dimensionen mit ins Spiel (Jugendliche mit afrikanischer Herkunft, die direkt von Diskriminierung und Rassismus betroffen sind). Auf die Ausmaße dieser Ausgrenzung zu beharren, heißt nicht die Unsicherheit der Jugend, die wachsenden Unterschiede zwischen den Generationen und die wachsende gesellschaftliche Mobilität zu verleugnen. Dies zeigt, dass die Unruhen nicht nur auf Grundlage der gesellschaftlichen Klassen und Altersgruppen entstanden sind, sondern auch durch die urbanen Formen von Unsicherheit einer Randgruppe der Arbeiterklasse und ganz besonders derjenigen mit Migrationshintergrund.
Diese Ressentiments können nur verstanden werden, wenn man sie von anderen Kategorien und Bereichen unterscheidet. Im Blick durch andere und im Hinblick auf andere entsteht diese Wahrnehmung einer Situation, die mit dem Begriff der Diskriminierung interpretiert wird. Die Natur, Intensität und Auswirkungen der "Diskriminierungen" betreffen vor allem die Bewohner der ärmsten Viertel. Auf ihren Eigenschaften beruhen auch die wesentlichen Diskriminierungen.
Die städtische Ausgrenzung wirkt sich nicht nur quantitativ (Ballung der am meisten benachteiligten Schüler in einigen Einrichtungen) sondern auch qualitativ auf die schulische Ausgrenzung aus. Dies liegt daran, dass vielen Schulen und dem Schulpersonal unterstellt wird, die Schwierigkeiten und das Scheitern der Schüler zu beabsichtigen und sie einer benachteiligenden Behandlung auszusetzen. Die Jugendlichen selbst sehen die Diskriminierung verschwommen als Erklärung für ihre schwierige Situation oder für ihr Scheitern, wobei die absichtliche Diskriminierung vor strukturellen und persönlichen Elementen mangelnder Anpassung überwiegt. Die Kombination dieser beiden Aspekte, der beabsichtigte Charakter der Diskriminierung einerseits, und die Wahrnehmung dieser Absichtlichkeit durch die Betroffenen andererseits, bildet den Ausgangspunkt für eine Revolte oder umfassende Mobilisation, vor allem wenn geltende Rechte und Regelungen betroffen sind.
Welche Möglichkeiten gibt es?
Eine erste Möglichkeit wäre es, innerhalb des städtischen Raums eine Politik der gesellschaftlichen Vielfalt zu fahren. Das könnte sich positiv auf den ganzen städtischen Raum auswirken und nicht nur auf die am meisten benachteiligten Viertel. Dies würde verhindern, bestimmte Orte mit bestimmten Bevölkerungsschichten oder Gruppen zu verbinden. Wohnungen und vor allem Schulen sind die zwei der wichtigsten Handlungsbereiche. Das Gesetz "Solidarité et Renouvellement Urbain" (Gemeinden mit über 3500 Einwohnern sind zu 20 % sozialem Wohnungsbau verpflichtet) und eine tief greifende Reform der Schulverfassung und des Schulsystems müssen berücksichtigt werden.
Eine weitere Vorgehensweise besteht in einem Ansatz, der sich auf diese Viertel konzentriert, ohne notwendigerweise eine größere gesellschaftliche Vielfalt in diesem Raum anzustreben. In diesem Zusammenhang muss gleichzeitig "die Lebensqualität in diesen Vierteln verbessert werden", was die politischen Bemühungen um größere Vielfalt und Mobilität nicht aufheben darf, auch wenn es nicht zur Debatte steht, die Viertel verschwinden zu lassen, die woanders wieder entstehen.
Ein solches Vorgehen kann jedoch auch Schwierigkeiten hervorrufen. Schwierigkeiten, die auf nationaler und internationaler Ebene bereits gemacht worden sind. Die Ergebnisse der politischen Bemühungen für eine größere gesellschaftliche Vielfalt in manchen Vierteln sind widersprüchlich: manchmal sind sie positiv in Bezug auf die lokale Dynamik, manchmal sind sie wirkungslos aufgrund von Konflikten zwischen den gesellschaftlichen Schichten. Die Schulentwicklung in den schwierigen Vororten (Zones Urbaines Sensibles) im Pariser Umland von 1990 bis 1999 zeigt, dass Veränderungen am Rande der gesellschaftlichen Zusammensetzung dieser Vororte positive Folgen haben können: Der wachsende Anteil leitender Angestellter von 3 % auf 5 % hat bemerkenswerte Auswirkungen auf den Anstieg des Anteils der Schüler mit Abschluss. Die gesellschaftliche Vielfalt als Element der öffentlichen Politik darf nicht nur Prinzip sein. Taten müssen folgen um die lokalen Bedingungen zu verändern. Von diesem Standpunkt aus gesehen, ergänzen sich die Anwendung des Gesetzes "SRU" (Loi relative à la solidarité et au renouvellement urbains – Gesetz zur Verbesserung des urbanen Lebens, der Wohnsituation und der Fortbewegung in Städten) und die Entzerrung der städtischen Lebensverhältnisse durch die ANRU (Agence Nationale pour la Rénovation Urbaine). Gleichzeitig ist es extrem wichtig, welche Art von Wohnungen wieder aufgebaut werden, um nicht unter dem Deckmantel der vielfältigen Wohnsituationen die Unterkünfte von ärmeren Familien außer Acht zu lassen. Tatsächlich besteht das Risiko, den Mittelstand zu bevorzugen vor allem dort wo die Grundstückspreise erheblich angestiegen sind, weil er weitaus attraktivere Wähler für die Bürgermeister bietet als die Arbeiter- und Immigrantenklasse.
Die sozialen Wohnviertel weisen größtenteils eine hohe Fluktuation auf und dienen als "Sprungbrett". Es bringt auch in diesem Kontext nicht viel, die vom Weggang am meisten betroffenen Haushalte zu betonen oder die Schüler, die in bessere Schulen abwandern. Hier spielt das "Streben nach Besserem" eine Rolle, das wiederum dem Gedanken der Elite anzulasten ist. Es trägt allerdings nicht dazu bei, ihre Würde zu retten. Diese "Flucht" entspricht vielmehr der französischen Vorstellung von Exzellenz, die mit anderen Formen von Anerkennung und Wertschätzung von Kompetenzen nichts zu tun hat. Wenn die Förderung der Mobilität und der Erhalt gesellschaftlicher Diversität nicht miteinander kombiniert werden, riskiert die Gesellschaft die Flucht nach oben. Das würde zur Folge haben, dass es keine Nacheiferer und Aufsteiger mehr gebe. Das Gefühl eines gemeinsamen Raumes würde verschwinden und die Politik vor Ort würde keine Unterstützer mehr finden und verwässern.
Wie kann man erreichen, dass gesellschaftliche und ethnische Diversität nicht als Abschreckung gilt, weil sie Teil des gesellschaftlichen und schulischen Chaos ist, sondern als Bereicherung und Möglichkeit zum Austausch? Der Kampf gegen die städtische Ausgrenzung steht weder im Widerspruch zu einer starken Anerkennung autonomer Ausdrucks- und Organisationsformen der Arbeiterklassen noch zu einer ehrgeizigen Politik für benachteiligte Viertel. Vielmehr könnten sich diese beiden Aspekte gleichzeitig entwickeln: Mehr Mittel für die ärmeren Viertel, ohne sie sozial abzustempeln. Das wäre nachteilig für diese Gegenden. Das Problem besteht also nicht in den Gruppen, die sich Orte aneignen – mehr oder weniger gezwungen – sondern darin, dass ihre Verteilung in der Stadt durch die räumliche Übersetzung die ungleichen gesellschaftlichen Beziehungen noch stärker hervorhebt.
[1] Das Wesentliche der hier dargestellten Analysen beruhen auf Lagrange H. und Oberti M. (Dir.), Emeutes et protestations. Une singularité française, Paris, Presses de Sciences Po, 2006.
Marco Oberti ist Professor an der Universität Sciences Po. Er unterrichtet Politique et Sociétés en Europe und hat sich auf die soziologische Analyse von gesellschaftlicher ...
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