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Magazin / Wirtschaft / Ostsee / Kommentar | 02.07.2008
Was ist Ostseeität?
von Matthias Knoll
Von Nation-Branding zu Region-Branding: Die lettische Ostseerat-Präsidentschaft hat das Konzept der "Balticness” entwickelt, um die Region besser zu vermarkten. Doch aus welchen Zutaten besteht diese gemeinsame kulturelle Identität?
Es mag ein wenig seltsam anmuten, dass die Balticness-Initiative ausgerechnet von Lettland ausging. Schließlich mögen es die Esten, Letten und Litauer gar nicht, in einen Topf mit dem zweifelhaften (weil in dieser Form erst von den Nationalsozialisten geprägten) Etikett "Baltikum" geworfen zu werden.

Man grenzt sich bewusst voneinander ab und wirft einander gerne einmal Knüppel zwischen die Beine – so war es eine Litauerin, die die Aufnahme der lettischen Dainas, traditioneller Volkslieder, in die Unesco-Liste des mündlichen Weltkulturerbes beim ersten Anlauf verhinderte, und Litauen wusste ebenfalls erfolgreich einen gemeinsamen Gastlandauftritt mit Lettland auf der Frankfurter Buchmesse 2002 zu vermeiden.
In die Mitte vorrücken
Die drei baltischen Staaten sind zwar flächenmäßig nicht so klein, wie man gemeinhin meint, aber im europäischen Bewusstsein – vom globalen einmal ganz zu schweigen – noch immer marginal. Was wäre da besser geeignet als ein Synergieeffekt, um sich ein ganz klein wenig weiter in die Mitte zu rücken? Das Label eines Ostseeraums oder einer "Ostseeïtät" ist da durchaus geeignet. Man lenkt den Fokus zunächst grob in die eigene Richtung, um sich auf der Folie dieser makroregionalen Entität mikroregional etablieren zu können. Von Zerfall, Zerstückelung oder Abgrenzung kann dabei keine Rede sein. Im Gegenteil: Nur wer sich in seiner Identität sowohl verwirklichen kann als auch wahrgenommen und geschätzt wird, kann und will sich erfolgreich auf der gemeinsamen Bühne präsentieren, das ist der Zweck einer Imagestrategie.
Historische Wurzeln
Mit seinen historischen Querverbindungen gibt der Ostseeraum durchaus auch eine geeignete Plattform ab. Da ist freilich die Hanse – aber nicht nur. Bereits im 11. Jahrhundert beteten die Dänen: "O mächtiger Gott, bewahre uns vor den Kuren!" Livland und Riga standen das ganze 17. Jahrhundert unter schwedischer Krone (und es ging ihnen gut dabei). Ostpolen, Litauen, Lettland, Estland und Finnland ereilte bei der Aufteilung Europas zwischen den beiden Vertragspartnern Hitler und Stalin das selbe Schicksal – nur dass sich Finnland der Roten Armee widersetzte und dadurch letztendlich Teil der westlichen Welt bleiben konnte. Zahlreiche Letten flohen vor dem sowjetischen Terror über die Ostsee nach Schweden, heute schreiben lettische Autoren im gotländischen Visby ihre Bücher.
Die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen. Am Schluss stünde unausweichlich ein multinationaler, sensibler Wirtschaftsraum, in dem das rohstoffexportierende Russland keine unbedeutende Rolle spielt – und die gemeinsame Verantwortung für ein sensibles Ökosystem. Braucht es noch mehr Gewichtiges in der Waagschale der Balticness?

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