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Magazin / Politik / Menschenhandel / Interview | 11.06.2008

"Die Nachfrage angehen"


Kleine Taschendiebe, "lover boys" und Handelsrouten: die Sondergesandte der OSZE zur Bekämpfung von Menschenhandel Eva Biaudet spricht mit eurotopics-Redakteurin Nikola Richter.


euro|topics: Frau Biaudet, Menschenhandel betrifft alle europäischen Staaten. Gibt es bestimmte Handelsrouten und -muster?

Ein wiederkehrendes Muster ist der Handel von Kindern in westeuropäische Großstädte, damit sie dort betteln, stehlen und sexuelle Dienste anbieten.

Eva Biaudet wurde 1961 in Helsinki geboren. Seit 2006 ist sie die OSZE-Sonderkoordinatorin zum Kampf gegen Menschenhandel. Sie lebt in Wien.

Foto: OSZE


In Europa ist das Geschäft mit Sex größer als das Geschäft mit Arbeitskräften – im Vergleich mit Asien oder Indien, wo es einen großen internen Sklavenhandel gibt.

euro|topics: Behandeln die Menschenhändler ihre Opfer anders, je nach Region?

Eine aktuelle Studie der englischen Regierung fand heraus, dass Mädchen aus Afrika die Menschenhändler eher als Retter ansahen, die sie von Armut, dem Leben auf der Straße und Ausbeutung befreit hätten. Sie zeigten keine große Bereitschaft, der Polizei etwas über die Händler zu erzählen. Kinder, vor allem Mädchen, aus Osteuropa, waren sehr gewaltsam unter Kontrolle gehalten worden: durch Vergewaltigung, auch Gruppenvergewaltigung, Bedrohungen. Sie waren erst dann hilfsbereit, wenn sie sich in Sicherheit fühlten. Opfer aus asiatischen Ländern schämten sich meist sehr, wenn sie gefunden wurden, weil sie stark verschuldet waren. Wir haben nur fragmentarisches Wissen, weil sich die Situation ständig ändert.

euro|topics: Inwiefern unterscheidet sich der Frauenhandel vom Männerhandel?

Frauen und Kinder entkommen oft häuslicher Gewalt oder Missbrauch, während die Männer geplant auswandern, sie werden scheinbar normal angeworben – und dann doch ausgebeutet. Im letzten Bericht aus den Niederlanden von 2006 – im Übrigen verfassen nur wenige Länder, darunter die Niederlande, Schweden, Rumänien und die USA solche Berichte – tauchte das "loverboy"-Phänomen auf: zwischen dem gehandelten Opfer und dem Händler besteht eine starke emotionale Bindung. In Europa dominiert bisher der Sexhandel, aber wir erfahren auch immer mehr über den Handel mit Arbeitskräften. Frauen und Mädchen sind in beiden Fällen in der Mehrheit.

euro|topics: Hat sich der Menschenhandel seit der Osterweiterung der Europäischen Union verändert?

Jetzt befinden sich Herkunftsländer der Opfer auf dem Gebiet der Europäischen Union, für sie gilt auch das Recht auf Freizügigkeit. Daher findet nun Menschenhandel innerhalb der EU statt – von Litauen nach Großbritannien und nach Skandinavien, von Rumänien und Bulgarien nach Deutschland oder Italien. Viele Länder haben Gesetze zum Schutz von Asylsuchenden oder nicht-europäischen Migranten, nicht für Migranten in der EU.

euro|topics: Wenn sich die Opfer frei bewegen können, sind sie dann nicht auch weniger abhängig von den Menschenhändlern?

Die Papiere eines Opfers zu kontrollieren, ist nicht die einzige Kontrollmöglichkeit. In einem Fall waren sich junge Litauerinnen nicht darüber im Klaren, dass sie auch ohne Pass reisen können. Oft ist die Gewalt so groß, dass sie nicht einmal mit dem Pass in den Händen verschwinden können. Migrantinnen aus Nigeria werden durch Voodoo in Schach gehalten. Juju-Dorfärzte erzählen den Mädchen, sie würden verrückt oder krank, wenn sie nicht gehorchen.

euro|topics: Sie arbeiten mit verschiedenen europäischen Regierungen zusammen. Welche Länder verfolgen einen erfolgreichen Ansatz im Kampf gegen Menschenhandel?

Das italienische System des bedingungslosen Opferschutzes ist sehr fortschrittlich, die Niederländer haben ein sehr gutes System der Berichterstattung und die schwedische Regierung hat durch ein neues Gesetz, das den Kauf von Sex verbietet, einen radikalen Rückgang der gehandelten Menschen festgestellt. Es verbietet nicht die Prostitution an sich und Prostituierte werden nicht als Kriminelle betrachtet – stattdessen werden die Käufer als Kriminelle betrachtet. Das Palermo-Protokoll der UN, die Konvention des Europarates und der Aktionsplan der OSZE vertreten denselben Standpunkt: Man muss die Nachfrage angehen, um dem Menschenhandel die Grundlage zu entziehen. Denn wenn keine Ausbeutung stattfindet, gibt es keinen Markt für die Händler.

euro|topics: Wo ist der größte Markt für Sexhandel in Europa?

Vor allem die westeuropäischen Länder sind Zielländer, aber viele Menschen werden auch innerhalb der einzelnen Länder gehandelt. Oft werden Menschen erst innerhalb eines Landes gehandelt, bevor sie ins Ausland gebracht werden. Davon ist kein Land ausgenommen.

euro|topics: Woher wissen die Polizei oder die Freier, dass ein Opfer gehandelt wurde? Dass es die Landessprache schlecht spricht, dass es verängstigt ist?

Es steht ihm nicht auf der Stirn geschrieben. Wer Sex kauft, geht das Risiko ein, Menschenhandel zu unterstützen. Es ist leichter, jemanden auszubeuten, der sich in einer schwachen Position befindet und anders ist als man selbst: "aus einem anderen Land, braucht ja das Geld, ist so etwas gewöhnt".

euro|topics: Der größte Anteil des jährlichen Umsatzes, der durch die Ausbeutung von Menschen entsteht, geht in die Industrieländer: 15,5 Millionen Dollar laut des US State Report, der im Juni veröffentlicht wurde. Was sind die dringendsten Maßnahmen, die die europäischen Länder ergreifen sollten?

Ein wichtiges kurzfristiges Ziel der OSZE ist, dass nationale Berichterstatter eingesetzt werden, die Daten sammeln und Informationen analysieren. Wir sagen: Die Regierungen stehen in der Verantwortung. Und es ist die Sache aller Länder: der Herkunft-, Ziel-, aber auch der Transitländer.

euro|topics: Die Daten, die bereits existieren, etwa über die Zahl der weltweit gehandelten Menschen, reichen von 600.000 zu 2,5 Millionen, je nach Quelle.

Das stimmt: Man sollte daher nicht auf die internationalen Zahlen schauen, wenn man nicht einmal verlässliche Zahlen für sein eigenes Land hat. Man muss die Gesamtsituation betrachten: Prozesse und Verurteilungen, Kinder in Waisenhäusern, Frauen in Schutzunterkünften, Menschen in Asylantenheimen etc. Und die Polizei muss mit der Polizei in anderen Ländern zusammenarbeiten, um die sich ständig verändernden Muster der internationalen Kriminalität zu erkennen.

 

Original in Englisch

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

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