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Magazin / Politik / Europäische Identität / Debatte | 22.03.2007

Europäische Identität

von Meike Dülffer


Die EU feiert Geburtstag und ist sich ihrer Identität nicht sicher. Ihre Geschichte begann, so suggerieren es die Feierlichkeiten, vor 50 Jahren. Aber sehen das alle so? Was macht Europa eigentlich aus? Und wo liegen seine Grenzen?


"Wir kommen einander noch immer näher" - so liest man es auf den offiziellen Seiten zur Feier des 50. Geburtstages der EU. Als ihr Gründungstag gilt der 25. März 1957. An diesem Tag unterzeichneten Frankreich, Deutschland, Luxemburg, Belgien, Italien und die Niederlande die Römischen Verträge, die sie zu einer Wirtschafts- und Atomgemeinschaft zusammenschmieden sollten.

Das offizielle Logo der EU anlässlich der 50-Jahresfeier der Römischen Verträge
Foto: European Commission


Viele reagieren auf den Geburtstag eher distanziert: "Europa ist ungeliebt geblieben", schreibt der Franzose Jean-Pierre Denis kurz vor den Feierlichkeiten am 16. März 2007 in La Vie.

Die Geburtstagsfeier ist ein Versuch, einen Gründungsmythos zu schaffen, den alle 27 EU-Mitglieder akzeptieren können. Ein Ansatz, zu einer gemeinsamen europäischen Geschichtsschreibung zu finden, aus der eine gemeinsame europäische Identität abzuleiten wäre.

Ein europäisches Geschichtsbuch?

Wie schwierig eine gemeinsame Betrachtung der europäischen Geschichte ist, zeigen die Reaktionen auf den Vorschlag der deutsche Bildungsministerin Annette Schavan, ein europäisches Geschichtslehrbuch zu schreiben. Unumstritten im europäischen Selbstbild ist immerhin, dass die EU als Lehre aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, des Holocausts und des Kommunismus' erfolgreich zu transnationaler Zusammenarbeit gefunden hat.

Eine von allen akzeptierte Auffassung von der europäischen Geschichte ergibt das aber nicht. "Das größte Problem besteht darin, dass das alte und das neue Europa den Zweiten Weltkrieg so unterschiedlich sehen", meint der estnische Journalist Erkki Bahovski am 7. März 2007 in Postimees, Meinungsverschiedenheiten "bestehen nicht nur zwischen den Staaten - schon unsere eigene russische Minderheit hat ein vollkommen anderes Geschichtsbild als die Esten."

Europa lieben?

Aus der Geschichte lässt sich eine gemeinsame Identität nur schwer ableiten. Kann sie aus dem heutigen Verhältnis der Bürger zur EU entstehen?

"Das Europa, das... mit einem großen Knall an den Start ging, muss heute ehrlich zugeben, dass es kaum mehr als eine hoch bezahlte Spielwiese für heimwehkranke Beamte geworden ist", bemerkte der estnische Journalist Tonis Erilaid anlässlich des Europatages am 9. Mai 2006 in SL Ohtuleht desillusioniert. Bürokratisch, unverständlich, bürgerfern – so die Quintessenz der Vorwürfe der EU-Kritiker und Gegner.

Pragmatiker allerdings halten genau diese Bürgerferne für ein positives Element der EU. Der deutsche Jurist Josef Isensee befand am 15. Januar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung provokativ, Bürgerferne sei "geradezu das Erfolgsgeheimnis des organisierten Europa". Populär werde es so freilich nicht, räumte er ein. "Aber muss man die europäische Organisation, wenn einem ihr Nutzen und ihre Notwendigkeit einleuchten, auch noch lieben?"

Genau diese Frage beantworten europäische Intellektuelle entschieden mit Ja. "Ich liebe Europa", konstatierte zum Beispiel "ohne Übertreibung" der britische Historiker Timothy Garton Ash am 30. Januar in Prospect und wirbt für eine neue "Erzählung von Europa". Garton Ash schlägt vor, jeder solle sich anhand von sechs europäischen Zielen - Freiheit, Frieden, Gesetz, Wohlstand, Vielfalt und Solidarität – am Schreiben der europäischen Erzählung beteiligen. "Diese miteinander verwobenen Stränge geben eine Beschreibung davon, woher wir kommen und wohin wir gehen wollen."

Europa dürfe nicht nur nützlich sein, sagte auch der deutsche Filmregisseur Wim Wenders im November 2006 in Berlin: "Warum habt Ihr zugelassen, dass uns Europa langweilt?!" Europa, so Wenders These, müsse sichtbar und erlebbar sein – am besten in den Bildern seines Metiers, im europäischen Kinofilm: "Es wird kein europäisches Bewusstsein geben, keine Emotionen zu diesem Kontinent, keine zukünftige europäische Identität, keine Bindung ohne dass wir unsere eigenen Mythen, unsere eigene Geschichte, unsere eigenen Ideen und Gefühle UNS VOR AUGEN HALTEN können!"

Auch der Pole Aleksander Kaczorowski denkt in europäischen Bildern: "Die oft in Frage gestellte europäische Identität wirkt trotz allem lebendig - und das dort, wo Ideen und Losungen am meisten geprüft werden, auf dem Gebiet der Kunst", schreibt er in einer Rezension des Sammelbandes "Last&Lost. Ein Atlas des verschwindenden Europas" am 9. Mai 2006 in der Gazeta Wyborcza. "Obwohl es manchmal so schwer fällt, es zu glauben: Wir sind wirklich stolz auf das Kaff namens Europa."

Von den Grenzen Europas

Doch wo beginnt und wo endet dieses "Kaff", dem mittlerweile 27 Länder angehören? Wo liegen seine Grenzen?

Der französische Philosoph Regis Debray spricht zum Beispiel in einem Essay vom 2. Januar 2007 über das Erbe der Aufklärung von der "historischen Tatsache, dass sich Identität immer 'gegen' etwas bildet. Man setzt sich, indem man sich widersetzt. Was für Individuen gilt, gilt ebenso für Nationen und sogar für Staatenbunde."

Die Frage nach den geografischen Grenzen der EU wird immer wieder anhand der Länder debattiert, die gern Mitglied werden möchten. Kann ein Land wie die Türkei, die vorwiegend muslimisch geprägt ist, Mitglied im Club der christlichen Europäer werden? Können Länder wie die ehemaligen Mitglieder der Sowjetunion - etwa die Ukraine oder Georgien - eines Tages beitreten oder würde ihre Aufnahme die Identität der EU in Frage stellen?

Die Frage nach den geografischen Grenzen wird immer wieder mit der Frage nach europäischen Werten verbunden. Sehr deutlich wurde das bei der Debatte um die Mohammed-Karikaturen, die Ende 2005 in der dänischen Zeitung Jyllands Posten veröffentlicht wurden. Ganz Europa überlegte, wie europäische Werte wie Presse- und Meinungsfreiheit gegenüber der Verletzung religiöser Gefühle abzuwägen seien.

"Europa hat mit seinen über 20 Millionen muslimischen Migranten den Konflikt mit dem Islam ins eigene Haus geholt und ist jetzt gefordert, seine Wertvorstellungen und Prinzipien nach innen wie nach außen zu verteidigen", schrieb der deutsche Schriftsteller Peter Schneider im Tagesspiegel vom 23. Februar 2006 über das Verhältnis zu Muslimen in Nicht-EU-Ländern wie auch zu den muslimischen Europäern. Um eine ähnliche Debatte, die Grenzen der Toleranz, geht es im aktuellen Streit über die multikulturelle Gesellschaft im Perlentaucher. Die Toleranz höre dort auf, wo grundlegende europäische Werte verletzt würden, lautet eine wichtige These – die Unverletzlichkeit der Person etwa oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Vielfalt, Grenzüberschreitung und Verschmelzung

Andere Intellektuelle jedoch betonen nicht die Grenzen, sondern definieren Europa anders: Gerade die europäische Vielfalt sei für die Herausbildung einer entwicklungsfähigen Identität wichtig. "Der öffentliche Diskurs über Europa verlangt nach einer kategorischen Klärung von Merkmalen der Zugehörigkeit: Als sollte eine Rasterfahndung ermöglicht werden, die europäisch von nicht-europäisch unterscheidet", kritisierte der in Bulgarien geborene Schriftsteller Ilija Trojanow am 7. März in der tageszeitung. "Wenn wir uns für die Zukunft wappnen wollen, sollten wir Grenzen als Zusammenflüsse begreifen, die uns in der Vergangenheit befruchtet haben, als Spielwiesen von Mischkulturen, die für die Entwicklung des Kontinents von entscheidender Bedeutung sind."

Sind Grenzen also eigentlich überflüssig? Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas beschrieb in einer Rede im November 2006 gerade ihre Überschreitung als wichtig für die Entwicklung einer europäischen Kultur: "Eine gemeinsame europäische Identität wird sich aber umso eher herausbilden, je mehr sich im Inneren der einzelnen Staaten das dichte Gewebe der jeweiligen nationalen Kultur für die Einbeziehung der Bürger anderer ethnischer oder religiöser Herkunft öffnet. Integration ist keine Einbahnstraße; sie versetzt, wenn sie gelingt, die starken nationalen Kulturen so in Schwingung, dass diese gleichzeitig nach innen und nach außen poröser, aufnahmefähiger und sensibler werden."

Ein anderes Europa?

Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch, der in verschiedenen Ländern der EU gelebt hat, teilt zwar die Habermas'sche Vorstellung, ist aber von ihrer Verwirklichung innerhalb der EU sehr enttäuscht – vor allem, weil die Ukraine immer wieder jenseits der Grenzen verwiesen wird. Andruchowytschs Äußerungen zu Europa werden in der EU aufmerksam verfolgt, gerade weil er den Blick von außen verkörpert. Auch er ist Anwalt der Grenzüberschreitung: "Um irgendwie damit zurande zu kommen, könnte man - warum nicht! - annehmen, Europa sei überall dort, wo die Einwohner meinen, sie gehörten zu Europa. Wo sie sich - noch kühner gesprochen - für Europäer halten. Somit ist Europa ein subjektiver Begriff", sagte Andruchowytsch in einer Rede in Kiew im Dezember 2006.

Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk sieht das ganz ähnlich: "Europäer ist, wer sich zu den europäischen Werten bekennt und um sie zu kämpfen versteht. Wer die eigene Freiheit und das Leben dafür riskiert. Wenn andere Kriterien für das Europäertum gelten sollen, können wir den alten Kontinent vergessen", schrieb er am 4. April 2006 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

 
Meike Dülffer
Meike Dülffer war Redakteurin bei euro|topics. Sie studierte Slawistik, Osteuropäische Geschichte und Politik. Sie volontierte bei der Berliner Zeitung und arbeitete dann als Chefin vom ...
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