szmtag

06.01.2009

euro|topics illustration
euro|topics
 

Navigation

Magazin / Politik / Spanien / Artikel | 07.03.2008

Die Sorgen der Spanier

von Isidre Ambrós


Spanien ist ein Land, in dem einer der Hauptzeitvertreibe im "Vortäuschen" besteht. "Vortäuschen" bedeutet, dem Nachbarn, dem Freund oder dem Verwandten zu zeigen, dass man selber mehr ist als er und dass man mehr hat als er. Man kann dies als eine Art Nationalsport bezeichnen.


In Bezug auf die Sorgen der Spanier erscheint diese Tendenz zur "Vortäuschung" ebenso. In Meinungsumfragen, die sowohl vom staatlichen Meinungsforschungsinstitut (CIS) als auch von privaten Meinungsforschungsinstituten durchgeführt werden, zeichnet sich eine Empfindlichkeit der Bürger ab, die in einigen Fällen der Wahrheit entspricht, in anderen nicht.

Foto: photocase.de


Demzufolge leben die Spanier in einer Gesellschaft, die besonders besorgt über den Terrorismus sind. Alle Untersuchungen stellen dieses Problem als das Dringendste dar. Für jeden zweiten Spanier ist es das Wichtigste. Doch wenn man auf der Straße spazieren geht, oder auf der Terrasse eines Cafés sitzt, haben die Gespräche, die man im Umkreis hört, nichts mit der Angst, zu tun, dass ein terroristisches Attentat verübt wird, sei es durch Islamisten oder der baskischen ETA. Warum stellen sie dann so eine Behauptung auf? Sehr wahrscheinlich, weil ein weiteres Merkmal der Spanier ist, sich ausdrucksvoll zu zeigen. Wenn sich ihnen also jemand mit einem großen Fragebogen nähert, machen sie ein sorgenvolles Gesicht und nennen ohne Zweifel den Terrorismus, da man ernst sein muss, verantwortungsvoll, und globale Probleme der Gesellschaft den eigenen Problemen voranstellen muss.

Die Besorgnis über den Terrorismus besteht gewiss immer noch, obwohl sich eine rückläufige Tendenz in allen Meinungsumfragen beobachten lässt. Spanien ist ein Land, das viele Jahre lang terroristische Attentate erlitten hat, sowohl durch die ETA als auch GRAPO, einer anderen terroristischen Gruppe, die durch Sicherheitskräfte komplett zerschlagen wurde. Dann wurde im März 2004 das islamistische Attentat in Madrid verübt und damit die Wut der Spanier gegenüber den islamistischen Terroristen erweckt. Später wurden dann die mutmaßlichen islamistischen Terroristen, die andere Attentate vorbereiteten, in verschiedenen Teilen Spaniens festgenommen. Doch im Allgemeinen beziehen sich die Dialoge in Alltagsgesprächen und Cafégeplauder üblicherweise auf die Wirtschaftslage. Genauer gesagt sind das die gestiegenen Lebenshaltungskosten – das Thema, das 40% der Spanier am meisten beschäftigt – und die Schwierigkeiten, die sie haben, um bis zum Monatsende zu kommen.

Doch diese Realität stößt auf die "Vortäuschungen": Es muss gezeigt werden, dass "Krisen nur andere betreffen, nicht mich". Die Spanier beschweren sich, dass ihr Gehalt nicht bis zum Monatsende reicht. Fast die Hälfte der Spanier findet, dass die Wirtschaftslage schlecht oder sehr schlecht ist, im Vergleich zu 32 Prozent, die denken, dass sie gut oder sehr gut ist. Doch die Restaurants sind gut gefüllt. Der Verkehr auf den Autobahnen am Wochenende ist dicht, da ein großer Teil der Spanier sein Wochenende gerne außerhalb seiner Wohnung und seiner Stadt verbringt, und das obwohl der Benzinpreis stetig steigt. Den wahrscheinlichsten Grund für diese Situation gab Wirtschaftsminister Pedro Solbes an, der sagte, dass "die Spanier den Euro noch nicht verstanden haben" - in Bezug auf die großzügigen Trinkgelder, die sie gewöhnlicherweise auf Terrassen der Cafés oder beim Bezahlen des Taxis geben.

Ein anderes großes Problem, das die Spanier bedrückt, ist der Erwerb von Wohneigentum, der aufgrund der Verteuerung immer schwieriger wird. In diesem Fall versuchen die Spanier nicht mehr, etwas vorzutäuschen. 44 Prozent der spanischen Bürger sind der Meinung, dass dies das größte Problem ist, das Spanien betrifft. Hier ist die Situation vielleicht etwas übertrieben, da sich die spanische Gesellschaft seit jeher dadurch auszeichnete, Wohneigentümer und nicht Mieter zu sein. Mehr als 80 Prozent der Familien wohnen in Wohneigentum, obwohl die durchschnittliche Hypothekenlaufzeit derzeit bei 25 Jahren liegt.

Die Sorge um den Erwerb von Wohneigentum ist vor allem bei den jungen Leuten besonders ausgeprägt, die mit einer Doppelbelastung konfrontiert sind: Es ist für sie nicht einfach, in den Arbeitsmarkt einzutreten, einen Arbeitsplatz zu finden und ein ausreichendes Gehalt zu bekommen, um das Elternhaus zu verlassen und eine Wohnung zu mieten. Die derzeitige Entwicklung geht dahin, dass junge Leute sich eine Wohnung teilen, als einzige Möglichkeit der Abnabelung von der Familie.

Gerade die Arbeitslosigkeit ist ein Thema, die vier von zehn Spaniern als das Hauptproblem Spaniens bezeichnen. Diese Meinung wird vor allem von den Langzeitarbeitslosen über 50 Jahren und den Jugendlichen geteilt, für die es keinesfalls einfach ist, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Spanien ist eines der Länder der Europäischen Union mit den meisten Langzeitarbeitslosen zwischen 45 und 50 Jahren. Das gleiche gilt für Jugendliche, die ihren ersten Arbeitsplatz suchen. Außerdem ist es das Land mit der höchsten Rate für Teilzeitarbeits-Verträge.

In letzter Zeit sind für die Spanier zu diesen Sorgen weitere Sorgen hinzugekommen. Dabei handelt es sich um die Einwanderung, die bereits ein Drittel der Bevölkerung beunruhigt, und die Unsicherheit in der Bevölkerung, die ebenfalls ein Drittel der Spanier beschäftigt. Dies ist üblicherweise eine logische Verbindung - die Leute, die wegen der massiven Ankunft von Einwanderern besorgt sind, fürchten, dass diese Straftaten begehen.

Die zunehmende Beunruhigung wegen der Einwanderung in Spanien liegt vor allem in den Booten begründet, die aus Marokko und Mauretanien in der letzten Zeit an den spanischen Küsten angekommen sind. Die Bilder von hochschwangeren Frauen kurz vor der Entbindung, von verwahrlosten Babys oder Kindern, ganz zu schweigen von den Leichen, die ans Meer geschwemmt werden, haben sich im Bewusstsein der Bevölkerung eingeprägt. Zum Guten, in dem Sinne, dass ihnen bei der Integration in die Gesellschaft geholfen werden muss und dass sie lernen, mit Menschen anderer Völker zusammenleben. Zum Schlechten, nach Meinung der Personen, die in den Immigranten einen Brennpunkt für Kriminalität und Probleme sehen.

Andere Themen mit starker sozialer Auswirkung hingegen, wie zum Beispiel Bildung oder Gesundheit, stellen kaum Grund zur Besorgnis bei den Spaniern dar. Nicht einmal 20 Prozent beträgt die Zahl der Spanier, die die Bildung der zukünftigen Generation oder das Gesundheitssystem als wichtigstes Problem betrachten, das die spanische Regierung angehen und lösen soll.

 
Isidre Ambrós
Isidre Ambrós ist Korrespondent von La Vanguardia in Deutschland.
» zum Autorenindex

Original in Spanisch

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

Weitere Artikel zu den Themen » Alltagskultur, » Verbraucher
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Alltagskultur, » Verbraucher


 

Bookmarken bei   del.icio.us    Digg!    YiGG.de    Webnews!    FURL    LinkARENA    Mister Wong    oneview   

Weitere Inhalte

THEMEN

PRESSESCHAU

Top-Thema vom 05.01.2009

Konflikt im Nahen Osten

Konflikt im Nahen Osten

Nach dem Einmarsch israelischer Truppen in den Gazastreifen fragt sich die europäische Presse, wie der Konflikt im Nahen Osten gelöst werden kann und welche Rolle die EU und die USA dabei spielen sollten.

» zur gesamten Presseschau

NEWSLETTER

Um den kostenlosen Newsletter zu abonnieren oder zu kündigen, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein:

TOP-THEMEN DER WOCHE

PRESSESCHAU-KALENDER

Mo Di Mi Do Fr Sa So
      1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30 31