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Magazin / Politik / Spanien / Debatte | 07.03.2008

Spanien sucht seine Identität

von Michael Kaczmarek


Am 9. März wählt Spanien ein neues Parlament. Wirtschaftliche und soziale Themen haben den Wahlkampf dominiert, doch zur Abstimmung stehen große Fragen, die ganz Spanien bewegen.


Bei der Wahl am 9. März stehen die Sozialisten (PSOE) von Premierminister José Luis Rodriguez Zapatero der konservativen Volkspartei (PP) von Mariano Rajoy gegenüber. In fast allen Grundsatzfragen vertreten sie unterschiedliche Standpunkte. Das Land streitet aber nicht nur um Wahlprogramme für die Zukunft, sondern sucht nach einem Umgang mit seiner Vergangenheit, es sucht nach seiner heutigen Identität.

Christoph Kolumbus vor der spanischen Flagge.
Foto: AP



Die spanische Identität ist schwer zu fassen, wie der Streit um die bislang wortlose Nationalhymne symbolisch zeigt. 2007 hatte das spanische Olympische Komitee einen Wettbewerb für Textvorschläge zum Königsmarsch ("Marcha real") ausgeschrieben. Doch der Siegertext wurde am Ende so heftig kritisiert, dass er im Januar 2008 wieder zurückgezogen wurde. Die spanische Hymne bleibt bis auf weiteres ohne Text. Der britische Historiker Henry Kamen hatte dies schon am 18. Juni 2007 in El Mundo voraus gesagt: "Es gibt nicht das Gefühl, eine Nation zu sein, und folglich ist es unmöglich, sich auf einen Hymnentext zu einigen."

Der Terror der Eta

Besonders im Baskenland, in Katalonien oder Galizien identifizieren sich die Menschen weniger mit dem von Madrid aus regierten Spanien. Sie schöpfen ihre Identität vielmehr aus der eigenen Vergangenheit, Sprache und Kultur. Ihre Abneigung gegen die Zentralregierung hat ihren Ursprung in den negativen Erfahrungen während der zentralistisch ausgerichteten Franco-Diktatur (1939-1975).

In diese Zeit fällt auch die Gründung der baskischen Untergrundorganisation Euskadi 'ta Askatasuna (Eta). Seit 1959 kämpft die Eta mit Gewalt für ein autonomes "Baskenland und dessen Freiheit".

Zwar ist sich Spanier in der Ablehnung des Terrors einig, doch der Umgang mit der Eta spaltet die Politik. Die beiden großen Parteien werden nämlich auch an ihrem Erfolg im Kampf gegen die Eta gemessen. So haben die Sozialisten in ihrer Regierungszeit mehrfach mit der Eta über eine politische Lösung des Konflikts verhandelt; neue tödliche Anschläge setzten dem ein Ende. Die Opposition prangert diese erfolglosen Verhandlungen mit den Terroristen als Verrat an deren Opfern und dem Volk an und fordert Null Toleranz. Allerdings hatte zuvor auch der konservative Ex-Premier José Maria Aznar eine politische Lösung mit der Eta gesucht.

Regierung und Opposition rücken bei diesem Thema aber immer dann ein Stück zusammen, wenn es einen neuen Anschlag der Eta gibt. Als Anfang Dezember 2007 in Frankreich zwei spanische Polizisten von der Eta ermordet wurden, riefen beide Parteien zu einer Trauerkundgebung auf. La Vanguardia kommentierte am 5. Dezember 2007 skeptisch. "Die gegenseitigen Kränkungen der beiden großen Parteien aufgrund der jeweiligen Haltung zur Terrorismusbekämpfung sind noch nicht lange her, die Kluft ist noch sehr groß."

Streit um regionale Selbstverwaltung

Auch in anderen der insgesamt 17 Regionen Spaniens gibt es Bestrebungen, die Selbstverwaltung zu stärken. Nachdem die Katalanen im Juni 2006 per Referendum einem neuen Autonomiestatut zugestimmt hatten, kritisierte Leo Wieland am 20. Juni 2006 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Spaniens Ministerpräsident Zapatero habe eine Büchse der Pandora geöffnet und warnte vor einer "inneren Destabilisierung dieses EU-Partners, immer neuen Begehrlichkeiten tribalistischer Lokalnationalisten und letztlich einer iberischen Balkanisierung".

Die britische Zeitung Financial Times beurteilte das Vorgehen Zapateros am selben Tag hingegen positiv: "José Luis Rodriguez Zapatero gebührt alle Anerkennung, weil er darauf beharrt, dass Dezentralisierung das Land insgesamt stärken wird, sofern sie auf demokratische Weise denen mehr Macht gibt, die sie wollen."

Die unabgeschlossene Vergangenheit

In ihrem Bekenntnis zur Demokratie sind sich die Spanier bei allem Streben nach regionaler Autonomie weitgehend einig. Verkörpert wird dies besonders in der Person von König Juan Carlos, der auch als Garant für die politische Einheit der Nation gilt. Viele Spanier schätzen ihn sehr, weil er sich 1981 bei einem Putschversuch von Franco-Anhängern für die Demokratie einsetzte.

Das Verhältnis zum 1975 verstorbenen Diktator Francisco Franco und die Beurteilung des blutigen Bürgerkriegs zwischen 1936 und 1939 sind ein weiterer Kristallisationspunkt bei der spanischen Identitätsfindung. Bis heute wurde die Zeit des Franquismus mehr verdrängt als verarbeitet und ist so ein wunder Punkt in der nationalen Geschichte geblieben.

Das wurde deutlich als der Regierungschef Zapatero 2006 anlässlich des 70. Jahrestags des Bürgerkriegsbeginns eine Geschichtskommission zur Aufarbeitung des Spanischen Bürgerkriegs einrichtete und ein Erinnerungsgesetz zur Entschädigung der Franco-Opfer initiierte. Aus diesem Anlass wurde heftig über die Frage debattiert, wem die Hauptschuld am Bürgerkrieg zukommt. Während die Sozialisten hinter Zapatero standen, betonten die Konservativen die Verbrechen der Republikaner während des Bürgerkriegs.

Die der Volkspartei nahe stehende Zeitung ABC kritisierte diese Art der Vergangenheitsbewältigung am 25. August 2006: "Für die junge Generation sind die Akteure der republikanischen Epoche und der Franco-Zeit so unwichtig wie Geschichtsbücher. Wenn man jetzt die alten Wunden aufreißt, schadet das sehr dem Zusammenleben, das auf der Verfassung beruht."

Der britische Autor Antony Beevor, der in den achtziger Jahren das Buch "The Battle for Spain" über den spanischen Bürgerkrieg publizierte und es inzwischen neu herausgebracht hat, sieht dagegen keine Alternative zur Geschichtsaufarbeitung. "Wenn eine Nation versucht, über eine schwere Periode hinwegzukommen, deckt man die Wunde oft mit einem Verband zu, riskiert jedoch, dass sich diese darunter entzündet", schrieb er am 26. Mai 2006 in der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter.

Das Erinnerungsgesetz mit dem Namen "Gesetz zur Anerkennung und Erweiterung von Opferrechten" schloss am Ende die Opfer beider Bürgerkriegsparteien ein und wurde am 31. Oktober 2007 vom spanischen Parlament verabschiedet.

Der Einfluss der katholischen Kirche

Die katholische Kirche, die in der spanischen Gesellschaft stark verankert ist, hat mit einem symbolischen Akt ihren Standpunkt zum spanischen Bürgerkrieg deutlich gemacht. Wenige Tage vor der Verabschiedung des Erinnerungsgesetzes sprach Papst Benedikt XVI. 498 spanische Geistliche, die während des Bürgerkrieges von den Republikanern ermordet worden waren, als Märtyrer selig.

Der Journalist und Schriftsteller Lorenzo Mondo fand diesen Vorstoß richtig. "Umso mehr als die Regierung Zapateros gerade ein Erinnerungsgesetz verabschiedet, das die republikanischen Opfer ehren soll. Ein erster Schritt wäre, dass jeder das Recht haben muss, seine Toten ausfindig zu machen, ohne politisch instrumentalisiert zu werden", schrieb er am 29. Oktober letzten Jahres in der italienischen Zeitung La Stampa.

Doch die katholische Kirche hat sich auch in den aktuellen Wahlkampf eingeschaltet. Ebenso wie die konservative Opposition kritisierte sie hauptsächlich die Verhandlungen der sozialistischen Regierung mit der Eta, deren Familienpolitik und das Gesetz zur Homoehe. Diese Einmischung gehe zu weit, befand José María Ridao am 14. Januar 2008 in El País: "Sie hätten diesen Kreuzzug auch gegen frühere Regierungen führen können, die ihnen näher standen, aber sie taten es nicht. In Wirklichkeit sind Leben und Familie für sie ein Alibi, um zu bekommen, was für sie wirklich zählt: Die politische Macht soll wieder dem Glauben dienen."

Der spanische Soziologe Salvador Giner hingegen wertete die neue Sichtbarkeit der katholischen Kirche als ein Aufbäumen gegen den Bedeutungsverlust der Kirche. "Wir haben keinen Glauben mehr. Die Kirche ist uns genauso gleichgültig wie die kommunistische Partei", schrieb er am 22. Februar 2007 in El País. Wichtiger sei nun, ob man Katalane oder Andalusier sei. "Die kollektiven Identitäten in Spanien wurden gestärkt."

Freiraum für Unterschiede

Um diesen Identitäten Ausdruck zu verleihen, bietet möglicherweise ausgerechnet die wortlose Nationalhymne den nötigen Raum. "Eine Hymne mit Text bedeutet das Ende dieses exklusiven und nützlichen Freiraums für Unterschiede", schrieb Antoni Gutiérrez-Rubí am 15. Januar 2008 in El País und erklärte: "Solange man die Nationalhymne schweigend anhört, kann man die unterschiedlichen Gefühle, die die Spanier mit dem Wort Spanien verbinden, besser zulassen… Jeder soll empfinden, was er will."

 
Michael Kaczmarek
Michael Kaczmarek ist Politik- wissenschaftler und Journalist. Er lebt derzeit in Madrid.
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