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Magazin / Wirtschaft / Billiglöhne / Artikel | 28.05.2008
Kreditmüde
von Tom Gebhardt
Gut ausgebildet und hoch verschuldet: In Spanien hat sich eine neue Schicht von jungen Geringverdienern herausgebildet, die "Mileuristas".
Spanien hat eine neue soziale Schicht – die Mileuristas, gut ausgebildete, junge Arbeitnehmer, die mit einem Monatslohn von rund 1 000 Euro auskommen müssen.

Wegen des steigenden Leitzinses für Hypotheken – im Mai 2008 erreichte der Euribor sein Rekordhoch – müssen sie häufig mehr als die Hälfte ihres Gehalts für die Hypothek, die sie zum Kauf einer Wohnung aufgenommen haben, ausgeben.
Die Tausendeuristen
Den Begriff Mileurista, ins Deutsche müsste man ihn mit "Tausendeurist" übersetzen, prägte vor drei Jahren die 27-jährige Carolina Algaucil, in einem Leserbrief an die Tageszeitung El País. Die neue soziale Schicht definierte sie im Hinblick auf ihre eigene Situation: "Es ist der junge Akademiker, der mehrere Sprachen spricht, weitere Masterstudiengänge und Kurse angehängt hat... und nicht mehr als 1 000 Euro verdient." Viele Medien griffen das Thema auf und veröffentlichten Reportagen zu hochqualifizierten Akademikern, die bei steigenden Absolventenzahlen keine Anstellung in ihren Berufen finden und stattdessen bei der Telefonauskunft oder einem Pizzaservice jobben. Anderen werden bei der Erstanstellung in ihrem Beruf häufig nur Zeitverträge und ein miserables Gehalt angeboten. Wenig später wurde das Schlagwort für diese neue Schicht zum Titel des Buches der Autorin Espido Freire. Inzwischen tauschen sich die Tausendeuristen in eigenen Internet-Blogs zu Spartipps aus.
Mieten statt kaufen
Wie in kaum einem anderen europäischen Land nehmen junge Paare in Spanien Hypotheken für den Kauf von Eigentumswohnungen auf. Wer vor zwei Jahren einen Kredit von 150 000 Euro (durchschnittliche Laufzeit von 27 Jahren) aufnahm, zahlte eine Monatsrate von 615 Euro – für zwei Mileuristas gerade noch aufzubringen. Da aber die Monatsraten meistens an den steigenden Leitzins Euribor gekoppelt sind, zahlt dasselbe Paar für denselben Kredit inzwischen eine monatliche Rate von 820 Euro. Viele Mileuristas haben schon zur Monatsmitte kein Geld mehr für den Lebensunterhalt. Die sozialistische Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero reagierte, indem sie seit 2008 den Trend zur Mietwohnung und damit den Weg aus der Hypotheken-Falle unterstützt. Junge Geringverdiener zwischen 22 und 30 Jahren, die maximal 22 000 Euro brutto jährlich verdienen – unter ihnen viele hochqualifizierte Akademiker – erhalten nun monatlich 210 Euro Mietzuschuss vom Staat. Pro Wohnung wird nur ein Zuschuss gewährt und dies maximal über vier Jahre.
Arme Stipendiaten
Eine besondere Gruppe im Kreise der Unterbezahlten bilden die jungen spanischen Forscher, die sich im Interessenverband "Los Precarios" organisiert haben. Der Name ist ein Wortspiel aus den Begriffen "precario" (unsicher, arm) und "becarios" (Stipendiaten). Sie machen damit auf die Situation aufmerksam, dass in der Forschung viele Stellen mit vergleichsweise gering bezahlten Stipendiaten besetzt werden. Dies aber nichts anderes sei als die Ausbeutung hochqualifizierter Wissenschaftler.
Spanien und Litauen als Schlusslicht
Das Phänomen der Mileuristas beschäftigt bereits die Forschung. So fand im Oktober 2007 eine Studie der im Berufsverband GESTHA organisierten Angestellten des spanischen Finanzministeriums heraus, das rund elf Millionen spanische Angestellte ein Jahresbruttogehalt von weniger als 13 400 Euro beziehen. Nach einer Studie des europäischen Informationsnetzwerks Eurydice aus dem Jahr 2005 finden nur rund 40 Prozent der spanischen Universitätsabsolventen einen Job, der ihrem Ausbildungsgrad entspricht. Die Studie wies auf die hohe Arbeitslosigkeit unter spanischen Jungakademikern hin, die mit 11,5 Prozent vergleichsweise hoch sei. Spanien bildete zusammen mit Litauen das Schlusslicht, der europäische Durchschnitt lag bei 6,5 Prozent.

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